Ungarisch

Die kleine gelbe Schlange

30. 09. 2014

Es handelt sich hier um die deutsche Übersetzung einer Volksballade der Tschangonen, einer Volksgruppe, die sich aus den Széklern herausgelöst hat. Der Name des ungarischen Originals lautet „Sárig kicsi kígyó“, ‚Sárga kicsi kígyó“ oder „Sárga testű kígyó“ und es existieren unzählige Varianten der Geschichte.

Als Vorlage dieser Übersetzung diente der ungarische Text auf der Internetseite: http://varazskastely.blog.hu/2010/07/21/a_sarig_kicsi_kigyo

 

Die kleine gelbe Schlange

Es waren einmal ein armer Mann und seine Frau. Sie waren traurig, weil sie kein Kind bekommen konnten.

Einmal wachte die Frau am Morgen auf und sprach zu ihrem Mann: „Hör nur, welch törichten Traum ich heute Nacht hatte! Ich habe in meinem Traum gesehen, dass ein alter Mann zu uns kam und sagte: „Ich weiß, warum ihr euch grämt! Ihr grämt euch darum, weil ihr keine Kinder habt. Geh in der Früh hinaus vor die Stadt und wenn ein Tier vorbeikommt, fange es und es wird euch einen Sohn bringen!“

Der Mann sprach: „Das ist wahrhaftig ein törichter Traum, aber lass es uns versuchen.“

Er ging hinaus vor das Tor und stand dort eine Weile, blickte umher und sah eine kleine Schlange. Er nahm das verwunschene Tier und umarmte es. Er brachte es seiner Frau und versorgte es gut mit in Milch getunktem Brot.

Einmal sprach die kleine gelbe Schlange: „Mein Vater, geh nur hin zum König und bitte ihn um die Hand seiner Tochter für mich.“ Der Vater antwortete: „Was willst Du, Du glückloses Geschöpf? Er wird mich köpfen lassen!“ – „Dir wird nichts passieren, geh nur hin!“, sagte die kleine gelbe Schlange.

Der Mann tat, wie ihm geheißen: Er ging zum König. Dieser führte bei seinen Soldaten gerade einen Appell durch. Der arme Mann brachte dem König sein Verlangen vor. Dieser brach in so lautes Gelächter aus, dass ihm Tränen aus den Augen quollen. Der König sprach: „Ist gut, Du törichter Mensch, Dein Sohn kann meine Tochter zur Frau haben, wenn Du drei Aufgaben erfüllst. Die erste Aufgabe wird sein, dass Du mir drei goldene Äpfel aus dem Garten der Fee Helene bringst. Falls Dir das nicht gelingt, werde ich Dich und auch Deinen Sohn köpfen lassen.“

Der arme Mann war traurig, dass der König nicht nur ihn, sondern auch seinen Sohn köpfen lassen wollte und ging nach Hause. Dort erzählt er seinem Sohn, was der König gesagt hat: Wenn er bis morgen früh nicht drei goldene Äpfel aus dem Garten der Fee Helene bringe, würde er und auch der Bub geköpft. Die kleine gelbe Schlange sprach: „Gräme Dich nicht, Vater, noch heute hole ich die drei goldenen Äpfel.“
Mit diesen Worten kroch die kleine gelbe Schlange aus der Tür und hielt auch nicht, bis sie beim Garten der Fee Helene war. Hier versteckte sie sich in einem Spalt, kroch dann auf den höchsten Baum und riss einen goldenen Apfel ab. Plötzlich erklang ein so lauter Schrei, dass man ihn noch in sieben Ländern hörte. Es kroch ein siebenköpfiger Drache hervor, der den Garten bewachte. Aber die kleine gelbe Schlange versteckte sich in einem hohlen Baum, sodass sie der Drache nicht sah. Dieser wurde sehr böse, weil er niemanden fand. Rasch kroch die kleine gelbe Schlange heraus, riss noch zwei Äpfel ab und eilte nach Hause. Sie sprach zum Vater: „Hier sind die goldenen Äpfel, mein Vater, bring sie zum König!“

Der arme Mann gab sie in seinen Ranzen und brachte sie zum König. Dieser prüfte sie gut und fand drei fein säuberliche, goldene Äpfel vor. Er sprach zum armen Mann: „Du Dummerchen, Du hast die erste Aufgabe erfüllt, aber es gibt noch zwei. Die zweite Aufgabe ist die, dass morgen in der Früh anstelle Deines Hauses so ein Palast wie meiner stehen soll. Wenn Du das nicht schaffst, werdet ihr beide alle Tode sterben.“

Sogleich war der Mann wirklich traurig. Wie konnte er so etwas bewerkstelligen? Er könne vielleicht einen Palast stehlen, aber wie er einen bauen könne, da hatte er keine Ahnung. Er ging nach Hause und sagte weinerlich zu seinem Sohn: „Sieh mein Sohn, wofür ich Deinen Kopf verwettet habe? Auf jeden Fall will uns der König vernichten: Wenn morgen früh anstelle unseres Hauses nicht so ein Palast steht, wie der König einen hat, werden wir alle Tode sterben.“

„Aber Vater, Du brauchst nicht traurig zu sein“, sprach die kleine gelbe Schlange, „Geh nur ins Bett, morgen früh sieht die Welt anders aus.“ Daraufhin ging die Schlange in den Hof, nahm eine kleine Pfeife hervor, pfiff hinein und sieben Teufel erschienen im Hof, sodass sogar das Sternenlicht verschwand. Ein gebrechlicher Teufel fragte: „Was wünscht Du, mein Herr?“
Da sprach die Schlange: „Zerstört diese erbärmliche Hütte und baut bis morgen so einen Palast, wie ihn auch der König hat.“ Die vielen Teufel packten an, surrten und burrten durch die Luft bis es dämmerte. Dann war der Palast fertig. Als der Mann und seine Frau aufstanden, rieben sie sich beide die Augen und fragten, wie denn so etwas möglich sei. Die kleine gelbe Schlange kam zu ihnen und sprach: „Sehr wohl, dieser Palast ist Euer!“.

Daraufhin machte sich der arme Mann auf den Weg zum König. Der König sah schon von weitem, dass sein Palast einen Doppelgänger hatte. Er sprach: „Komm nicht herein, Du Sohn des Teufels, sondern erfülle die dritte Aufgabe: Wenn morgen früh die beiden Paläste nicht mit goldenen Seilen verknüpft und mit einer goldenen Brücke verbunden sind und auf den beiden Seiten der Brücke nicht zwei goldene Vögel singen, sollst Du alle Tode sterben!“

Mit dieser Nachricht ging der arme Mann heim, aber trauerte nicht gleich, weil er wusste, dass der Sohn das mit der Hilfe Gottes schaffen würde.

So fuhr er in der Früh mit seinem Sohn in einer goldenen Kutsche auf der goldenen Brücke zum König und der König gab ihm seine Tochter. Aber die Königstochter weinte und flehte, dass sie keine Gemahlin der kleinen, gelben Schlange werden wolle. Wenn die Schlange die schöne Frau in der Nacht berühren würde, würde sie ihr den Hals umdrehen.

Als es daraufhin Nacht wurde, ging das neue Ehepaar in ihr Schlafgemach, aber die Königstochter weinte noch immer, dass sie nicht neben der Schlange liegen wolle. Lieber würde sie das Tier ins Feuer werfen. Sie hatte aber keine Wahl – sie musste sich neben die kleine gelbe Schlange legen. Nachdem das geschehen war, begann die Schlange plötzlich durchs Zimmer zu kriechen, drehte sich um sich selbst und aus ihr wurde ein wunderschöner Königssohn.

Da sprach der Königssohn: „Weine nicht, schöne Königstochter, ich bin keine kleine gelbe Schlange, ich bin ein verfluchter Königssohn. Mein Vater verfluchte mich, sodass ich sieben Jahre, sieben Monate und sieben Tage als Schlange verbringe und diese Zeit des Fluchs ist noch nicht abgelaufen. Aber über diese Sache rede nicht mit Deinem Vater, weil wir es dann beide bereuen würden.“
Aber am Morgen wollte der König von seiner Tochter wissen, wie der Schlaf mit der kleinen, gelben Schlange gewesen war. Die Königstochter war sehr erfreut, weil der Königssohn sehr schön war und sie auch sehr in ihn verliebt war. Sie sagte zu ihrem Vater, dass er wohl keine Schlange ist, sondern nur eine Schlangenhaut tragen würde. Der König sprach: „Wir werden ihm helfen, sodass er die hässliche Haut abwirft.“

Im Palast lebte eine Alte. Der König bat sie, dass sie ins Zimmer gehen und sich unter dem Bett verstecken solle. Wenn die Schlange die Haut abwirft, solle sie sie verbrennen. So wurde es auch gemacht: Als die Schlange die Haut auszog und die Jungen sich hinlegten, schlüpfte die Alte hervor und nahm die Schlangenhaut an sich.

Am Morgen stand der Königssohn auf und wollte die Haut anziehen, aber sie war weit und breit nicht zu finden. Er sprach zu seiner Frau: „Du hast Dein Wort nicht gehalten. Jetzt müssen wir uns voneinander trennen. Ich gehe zu meinem Vater nach Hause, Du musst mir in einem Hemd barfuß folgen. Ich hätte zwar nur mehr sieben Tage, bis die Zeit abläuft, aber bis dahin muss ich zum Hause meines Vaters gehen. Bis dahin mache ich Dir einen goldenen Keuschheitsgürtel, damit Du nicht von einem anderen Mann verführt wirst. Und wenn Du zum Haus meines Vaters kommst und sieben Tage und sieben Nächte abgelaufen sind, rufst Du: „Komm heraus, Du verwunschener Königssohn, hier ist Deine Frau, nimm mir den goldenen Gürtel ab!“

Und wie geheißen, so tat es die Königstochter auch. Nachdem sie 7 Tage und 7 Nächte gegangen war, rief sie beim Tor: „Komm heraus, Junker, hier ist Deine Frau! Nimm mir den goldenen Gürtel ab!“ Dieser kam aus dem Palast, umarmte seine Frau und der goldene Gürtel fiel ab.

Das junge Paar fuhr in einer Nussschale über den Fluss Nagyküküllő und lies sich nieder – und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute. Und wer weiß, vielleicht besuchen sie Dich ja bald einmal…

 

Vokabel

kígyó (Schlange)bolond (töricht)lelkes (begeistert)
álom (Traum)búsul (grämen)jól tart (gut behandeln)
egy darabig (eine Weile)felé (in Richtung)ördög (Teufel)
gyík (Eidechse)bevisz (hineintragen)megkér vmit (jm. ersuchen)
leány (Mädchen)teremtés (Schöpfung, Geschöpf)hisz (glauben)
vét (verstoßen)katona (Soldat)szemle (Inspektion)
szándék (Vorhaben)kacag (in Gelächter ausbrechen)könny (Träne)
feltétel (Bedingung)megfelel (passen, entsprechen)tündér (Fee, Elfe)
Ilona (Helene)sírva (weinend)leszakasz (abreißen)
előbújk (hervorkriechen)sárkány (Drache)őriz (bewachen)
csakugyan (tatsächlich)tiszta (rein)megtesz (schaffen)
palota (Palast)meghal (sterben)halál (Tod)
pusztít (vernichten)mindenképpen (auf jeden Fall)másként (andernfalls)
síp (Pfeife)fuvint (pfeifen)sánta (lahm)
tép (reißen, zerreißen)vajon (bloß, nur)szökik (flüchten, entkommen)
tornác (Diele)széle (Kante, Rand)hintó (Kutsche)
nyúl (angreifen, fassen)teker (rollen, schlingen)külön (extra)
szakasz (Abschnitt, Strecke)mégis (trotzdem)elátkoz (verflucht)
megbán vmit (etw. bereuen)öröme (erfreut)bőr (Haut)
hány (erbrechen)vénasszony (Alte)eléget (verbrennen)
úrfi (Junker)eltelik (dahingehen Zeit)ölel (umschlingen)
leesik (herunterfallen)

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