Merktechnik / Ungarisch

Vokabellisten – gut oder böse? – eine persönliche Betrachtung

30. 08. 2015

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Die aktuelle Situation

Wörterlisten mit der jeweiligen Übersetzung werden schon seit einiger Zeit als „böse“ angesehen. In meiner Schulzeit – in den 80er und 90er-Jahren – gab es zwar Vokabelhefte, aber es wurde darauf Bedacht gelegt, dass man auch eine beispielsweise Verwendung aufschreibt. In heutigen Schulbüchern für Fremdsprachen findet man am Ende des jeweiligen Kapitels gar keine Auflistung neuer Vokabel mehr. Ziel ist, sich die Übersetzungen selbst zu erarbeiten. Doch sind diese Listen wirklich so böse?

Falls man eine neue Sprache lernen möchte, geht es darum, ein Grundvokabular aufzubauen. Die Theorie sagt, dass man dazu am besten eine Software, die auf folgendem Ansatz basiert, nutzt: Eine Vokabel wird mehrmals abgefragt und mit jedem Mal, wenn man die Übersetzung kennt, werden die Abstände zur nächsten Abfrage immer größer. In der Fachsprache nennt sich das „SRS“, also „Spaced Repetition System“. Zum Beispiel bietet die Software „Anki“ diese Möglichkeit.

Die Listen und SRS helfen mir also in Bereichen, in denen ich nicht gut bin: Es ist ein organisiertes, systematisches, besonnenes Lernen – und ich erhalte jeden Tag meine Aufgaben, ohne dass ich überlegen muss, was ich für den Spracherwerb tun sollte.

Nun ist zwar klar, dass man nur auf diesen Weg keine Sprache lernen kann – aber auch wenn keine Zeit bleibt oder Stress in der Arbeit herrscht: Diese 25 Minuten kann man sich (fast) täglich zum Frühstück Zeit nehmen. Man bekommt täglich Aufgaben – und es ist eine nicht stoppbare Vorwärtsbewegung, die einem die Software vorgibt.

Zumindest habe ich das für mein Ungarisch Lernen so umgesetzt. Nach fast 3 Jahren Nutzung habe ich mir nun allerdings meine Statistiken angesehen – und bin von der Effizienz ziemlich enttäuscht. Dazu muss ich sagen, dass ich sicherlich kein Naturtalent bin, was Sprachenlernen betrifft, aber ich denke doch, dass ich nach 100 Wiederholungen ein Wort können sollte. Leider ist dem aber nicht so. Meine „Top 3“ Wörter und die Anzahl der Wiederholungen bis jetzt:

  1. kiejtés (Aussprache) – 179x
  2. azonban (jedoch) – 166x
  3. kijelző (Anzeige) – 153x

Und das bei einer Liste von in etwa 2.000 Wörtern; und obwohl ich teilweise mit Bildern und mit Mnemotechniken zur Verknüpfung der einzelnen Wörter gearbeitet habe. Also unbrauchbar, oder? Schauen wir uns das an:

Die positiven Aspekte von Vokabellisten

  • Vokabellisten implizieren, dass eine Sprache begreifbar und endlich ist. Sie reduzieren die unendliche Komplexität auf ein kleines Schlachtfeld, das besiegbar wirkt. Insofern also motivierend.
  • Vokabellernen mit einer SRS-Software gibt mir meine tägliche Arbeit vor. Ich weiß genau, was zu tun ist. Ich muss nur von Zeit zu Zeit neue Wörter hinzufügen und bekomme täglich mein Quantum geliefert. Andernfalls müsste ich mich anstrengen und überlegen, was ich tun könnte und bin dann eventuell verärgert und frustriert, dass ich gar nichts gemacht habe.
  • Der Fokus beim Lernen liegt auf kleinen Portionen.
  • Vokabellisten eignen sich sehr wohl zum Erlernen von Wortgruppen, wie beispielsweise Wochentage oder Monatsnamen.

Die negativen Aspekte

  • Vokabellisten sind an sich nicht „böse“. Aber wie die Menschen sie verwenden – das schon: Sie stellen sicher, dass man sich irgendwann fadisiert und die Motivation verliert – wenn man sie so verwendet, wie man es normalerweise tut.
  • Lernende, vor allem konsequente, bauen eine Beziehung zu ihren Listen auf. Es muss jedes Wort, die ganze Liste, von vorne bis hinten durchgegangen werden. Jedes Wort in der Liste ist heilig – und darf nicht übersprungen oder gar gelöscht werden.
  • Man lernt nicht die Sprache, man lernt Übersetzungstabellen. Meist in eine andere Sprache, die in vielen Fällen keine Wörter mit genau der gleichen Bedeutung hat. Das merkt man aber erst, wenn man reden möchte.
  • Wörter ohne Kontext sind unbrauchbar. Unfälle in der fremden Sprache sind vorprogrammiert.

Lösungen, oder: Listen verwenden, ohne von Ihnen verwendet zu werden

Nun ja, Sie werden hier wahrscheinlich Lösungen erwarten. Die kann ich auch liefern – ich muss aber gestehen: So wie in der Einleitung beschrieben, habe ich es bis jetzt so gemacht. Ich kann nur Ihnen – und mir – die Ergebnisse der Recherchen mitteilen und hoffen, dass es funktioniert. Und vielleicht in einigen Monaten einen Artikel nachliefern, der dies bestätigt. Also:

  • Wortlisten sollten wie ein Fernsehprogramm verwendet werden: Man findet einen Startpunkt und nutzt sie nicht als ultimative Autorität. Wenn man ein Wort in die Liste schreibt und es sich nicht und nicht merken will: Entweder eine andere Herangehensweise wählen oder löschen. Löschen sollte nicht tabu sein!
  • Wörter sollten immer im Kontext gelernt werden: Das bedeutet, man schreibt in seine Liste kein Wort, sondern einen Satz mit diesem Wort sowie die Übersetzung. Einzelne Wörter werden bei der Abfrage ausgeblendet; diese muss der/die Lernende in der richtigen Form ergänzen. Das Ganze nennt sich „Massive-Context Clozed Deletion Methode“ (MCD) und die praktische Umsetzung wurde von mir schon einmal beschrieben.
  • Generell sollte man versuchen, im Kopf öfter in der fremden Sprache zu denken. Sobald man ein Wort nicht kennt, kommt es ins Handy. Und wenn man dann vorm Computer Zeit hat, sucht man einige Sätze mit diesem Wort in Google und trägt sie in die MCD-/SRS-Software ein. Wenn so ein Satz wieder ein unbekanntes Wort enthält, verfährt man damit genauso. So ergeben sich oft automatisch mehrere Sätze zu einem Thema – ein „Forcefield of Topic“.

Ich persönlich werde auf MCD umsteigen, auch wenn es mehr „Gehirnschmalz“ erfordert. Aber ich bin zuversichtlich, dass es funktioniert. Wir haben die Wissenschaft hinter uns, nicht die Esoterik! 🙂

Weiterführende Links

Quellen

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Author

Manuel